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Zürich, 15.2.2003
Nachdem nun reichlich 1,5 Jahr vergangen sind, seit ich die letzte große Rundmail geschrieben habe, dachte ich, es wäre mal wieder an der Zeit, einen neuen Bericht zu liefern.
Das ist vor allem auch deshalb nötig, weil ich merke, daß ich von der Schweiz und den Schweizern so allmählich "assimiliert" werde. Es kommt vor, daß ich mich über gewisse Sachen überhaupt nicht mehr lustig mache bzw. manche Sachen kaum noch bemerke, die ich vor einem Jahr noch völlig schräg gefunden hätte bzw. über die ich mich köstlich amüsiert hätte. (Falls in diesem Text ab und zu Redewendungen auftauchen sollten, die etwas merkwürdig klingen, dann ist das ein weiteres ernstzunehmendes Symptom.) Also schreibe ich lieber schnell noch einen Bericht, ehe mir die Fähigkeit völlig abhanden kommt, mich über die Schweizer und ihre Eigenheiten lustig zu machen und anfange völlig unvoreingenommen über sie zu schreiben.
Ok, jetzt aber zurück zum Tagebuch. Am Anfang werden die Beschreibungen erst mal recht kurz ausfallen, da ja alles schon recht lange zurückliegt. Falls es Euch also interessiert, dann lest weiter und genießt es (falls Ihr könnt).
Juli / August
Im Juli ist nicht mehr viel passiert, außer das ich mal wieder ein paar Tage in Davos war.
Im August haben mich meine Eltern besucht und mein Zimmer und unsere Wohnung "bewundert". Zum Thema Wohnung: Ein Zimmer bzw. eine Wohnung in Zürich zu finden, ist extrem mühsam. Es gibt anscheinend einfach zu wenig Wohnraum in der Stadt. Die Mieten sind hier natürlich auch "ein wenig" anders als in Jena. Ich zahle für mein 9.6 m2 - Zimmer in unserer 4er-WG 400 SFr und das ist schon subventioniert durch die Jugendwohnhilfe, einer Organisation die Jugendlichen in Ausbildung "billig" Wohnraum zur Verfügung stellt. Die WG einer Freundin von mir zahlte in Jena für eine rund 80 m2 - Wohnung (allerdings unsanierter Altbau) weniger.

mein Zimmer kurz nach dem Einzug...
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...und mein Zimmer jetzt
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Ich bin anschließend mit meinen Eltern mit nach Jena gefahren, wo ich die nächsten 5 Wochen verbracht habe. Eigentlich wollte ich die Zeit in Jena auch dazu nutzen, mich (mal wieder) auf meine Vordiplomprüfungen vorzubereiten, aber ich habe dann meine Zeit vor allem mit Nichtstun, Kulturarena besuchen, Beachvolleyballspielen und in den Ausgang gehen (ups, ich meine natürlich abends weggehen) verbracht.
September
Wie schon erwähnt, hieß es für mich mal wieder, für Vordiplomprüfungen zu lernen. Das lag daran, daß die ETH zwar mein in Jena absolviertes Grundstudium größtenteils anerkannt hat, aber mein Vordiplom nur zum Teil. Somit mußte ich in 6 Fächern noch eine Prüfung machen. Dafür hatte ich 1 Jahr bzw. 2 Prüfungssessionen Zeit. Ich habe diese Prüfungen aber so schnell wie möglich hinter mich bringen wollen und das hieß in meinem Fall Oktober 2001.
Für alle, die es etwas genauer wissen wollen, wie das mit den Prüfungen an der ETH funktioniert:
Ich wurde an der ETH angenommen mit der Auflage, dort noch ein "modifiziertes 2. Vordiplom" zu machen. Das liegt daran, daß an der ETH die Vordiplomprüfungen anders "funktionieren" als in Jena. Hier gibt es ein 1. und ein 2. Vordiplom nach dem 1. bzw. 2. Jahr. Im Prinzip wird jedes Fach einzeln in Form einer Klausur geprüft im Gegensatz zu meiner deutschen Vordiplomprüfung, die aus "nur" 4 mündlichen Prüfungen bestand. Somit mußte ich in allen Fächern, die bei mir in Deutschland nicht explizit im Vordiplom geprüft worden waren (Geophysik, Klimawissenschaften & Hydrologie, Informatik, Statistik, Chemie, Systemanalyse), noch eine Schweizer Vordiplomprüfung bestreiten. Und da ich ja noch "kein" Vordiplom besaß, habe ich in der Schweiz auch wieder im 4. Semester angefangen, obwohl ich in Deutschland schon 6 Semester studiert hatte.
Bei dieser ganzen Bewertung, was von der ETH anerkannt wird und was nicht, kam mir sehr zugute, daß man sich in Jena nach der Wiedergründung des geologischen Institutes beim Aufstellen des Studienplanes sehr an Zürich orientiert hatte und ich außerdem Mathe und Physik als 2 meiner Vordiplomprüfungsfächer in Deutschland gewählt hatte. Anderen Deutschen, die während des Studiums nach Zürich an die ETH gewechselt sind, wurde zum Teil noch viel weniger anerkannt als mir.
Die Prüfungen (sowohl Diplom-, als auch Vordiplomprüfungen) finden dann jeweils am Ende der Ferien während der sogenannten Prüfungssessionen statt. Ich hatte ein Jahr Zeit für die Prüfungen, mußte sie jedoch alle innerhalb einer Session machen. Bestehen muß man nicht jede einzeln, sondern nur im Durchschnitt besser als 4 sein, wobei die Schweizer andersrum zählen als wir (6 = beste Note, 4 = gerade noch bestanden, 1 = schlechteste Note). Besteht man nicht, muß man beim 2. (und letzten) Versuch wiederum alle Prüfungen machen und nicht bloß die Fächer, die man beim ersten Anlauf nicht bestanden hat.
Entscheidet man sich, Prüfungen zu machen, muß man sich bis zu einem bestimmten Datum (so reichlich 2 Monate vor Beginn der Prüfungssession) anmelden und bekommt dann irgendwann kurz vor Beginn der Prüfungen einen Terminplan mit den einzelnen Prüfungsterminen zugeschickt. Bis einen Tag vor Beginn der Prüfungssession kann man sich auch wieder von den Prüfungen abmelden, wenn man das Gefühl hat, es reicht nicht aus irgendwelchen Gründen. Hat man einmal angefangen, muß man alle Prüfungen absolvieren (es sei denn, es geht nicht aus schwerwiegenden gesundheitlichen Gründen) oder die gesamte Prüfungsstufe gilt als nicht bestanden.
So richtig aufraffen, etwas zu tun, konnte ich mich dann erst so knapp 2 Wochen, bevor ich die erste Prüfung hatte. Ich hatte allerdings wirklich große Motivationsprobleme, da ich ja schon ein Vordiplom hatte. Ich bin dann Mitte September zurück nach Zürich gefahren und hatte 2 Tage später gleich meine erste Prüfung (Informatik) und am Tag darauf gleich die nächste (Geophysik). Das waren auch die einzigen 2 Prüfungen, für die ich bis dahin etwas getan hatte. Für die anderen habe ich jeweils immer in der Zwischenzeit zwischen den einzelnen Prüfungen gelernt. Das hieß, ich hatte nach der Geophysikprüfung 3 Tage Zeit, um für Klimawissenschaften & Hydrologie zu lernen und danach einen Tag und eine Nacht (ich habe doch tatsächlich die ganze Nacht durch gelernt) für Statistik. Anschließend hatte ich 4 Tage, um Chemie zu lernen. Diese "unverschämt" lange Zeit (ich mußte trotzdem die Nacht vor der Prüfung wieder durch lernen) war auch bitter nötig, denn mit Chemie hatte ich mich das letzte Mal reichlich 2 Jahre vorher beschäftigt. Nach diesen 5 Prüfungen war ich erst mal ziemlich am Ende. Die letzte Prüfung (Systemanalyse) war eine mündliche und erst reichlich 2 Wochen später Mitte Oktober.
Oktober
Die Zwischenzeit habe ich dann auch nicht nur zum Lernen benutzt, sondern auch um ein bißchen Urlaub zu machen. Zunächst hatte ich gleich erst einmal Besuch aus Jena (Anke und Nadine, eine Freundin von ihr, und Janie, der Hund von Nadine). Wir waren bei herrlichem Spätsommerwetter ein bißchen in der Umgebung von Zürich unterwegs, einen halben Tag in Luzern und 3 Tage in der Umgebung von Melchsee-Frutt wandern.
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| Nadine, Janie und ich in Luzern |
bei herrlichem Wetter auf dem Weg zum Jochpass |
Nach dem Kurzurlaub habe ich dann wieder gelernt, war noch mal kurz in Davos bei Christians Geburtstagsparty und habe wieder gelernt. Am 18.10. hatte ich schließlich auch die letzte Prüfung hinter mir. Diese lief sehr gut (hatte ja auch viel Zeit zum lernen gehabt), aber bei den meisten anderen Prüfungen hatte ich eher ein schlechtes Gefühl, und ich war doch sehr am Grübeln, ob es denn insgesamt langen würde. Das schlimme war, daß ich auch sehr viel Zeit hatte, darüber nachzudenken, ob ich den nun bestanden hatte oder nicht, da die Noten erst rund einen Monat nach Ende der Prüfungssession bekannt gegeben wurden. Ich hatte mal so für mich ausgerechnet, daß es bei mir sehr knapp werden würde - daß es mit viel Glück eine 4,1 aber wahrscheinlich eher eine 3,9 oder schlechter werden würde. Nach 4 "qualvollen" Wochen hatte ich das Ergebnis: eine 4,25. Es hatte also gereicht! Gerettet haben mich meine erste (Informatik) und meine letzte Prüfung (Systemanalyse), in denen ich jeweils einen Sechser* bekommen habe.
Eine Woche nach der Prüfung ging das Semester wieder los. Zunächst habe ich mir jedoch erst mal noch einen Kleiderschrank bei IKEA gekauft. Da ich kein Auto habe, mußte ich den Schrank mit Bus und S-Bahn quer durch Zürich transportieren. IKEA liegt leider ganz am anderen Ende der Stadt und da ich den Schrank nicht auf einmal wegbekommen habe, mußte ich 2x quer durch Zürich und habe somit einen ganzen Tag mit Schrank kaufen verbracht. Manchmal ist ein Auto halt doch nicht so unpraktisch.
Die erste Semesterwoche habe ich dann anstatt zu studieren im wesentlichen damit verbracht, rauszusuchen, was ich denn studieren könnte bzw. sollte. Das ist hier ein bißchen schwieriger als es in Jena war, da es
a) viel mehr interessante Veranstaltungen gibt, die
b) oft alle zur selben Zeit stattfinden und
c) nicht unbedingt die sind, die ich wirklich brauche.
Erschwerend kam noch hinzu, daß ich außerdem nicht so genau wußte, was ich eigentlich brauche. Das lag zum einen daran, daß ich nicht wußte, was mir hier nun aus meinem Jenaer Fachstudium anerkannt wird und zum anderen, daß ich halt auch nicht so genau wußte, was ich denn eigentlich studiere (also welche Vertiefungsrichtungen ich wählen wollte). So war das ganze ein ziemliches Chaos - aber so bin ich nun mal. Man hätte ja auch ein bißchen eher über diese Sachen nachdenken können.
Außerdem habe ich noch einen Stipendienantrag fertig schreiben müssen, was ich natürlich auch erst auf die letzte Minute gemacht habe und so war ich die erste Semesterwoche zwar voll im Streß, aber nicht wirklich am Studieren gewesen.
November
Den November habe ich dann hauptsächlich mit Studieren verbracht (anscheinend - zumindest finden sich keine anderen wesentlichen Eintragungen in meiner Agenda+).
Ein Wochenende zwischendurch habe ich dazu verwendet, um mit Tilmans Hilfe und seinem altem Rechner aus dem alten Rechner meiner Eltern einen neuen Rechner für mich zu basteln. Das heißt, wir haben im wesentlichen sein "altes" Motherboard (welches wesentlich neuer und besser war, als das in meinem Rechner) und diverse andere Teile mit einigen Teilen (Festplatte, CD-ROM Laufwerk, etc.) aus meinem Rechner kombiniert und in ein neues Gehäuse eingebaut. Es war für mich sehr interessant zu sehen, wie zum einen so ein Rechner von innen aussieht und zum anderen festzustellen, was bei solchen Aktionen alles so schieflaufen kann bzw. mit welchen Problemen man konfrontiert wird (z.B. daß das Gehäuse, welches ich extra entsprechend den Anforderungen des Motherboards gekauft hatte, so gebaut ist, daß man entweder Motherboard oder CD-ROM Laufwerk einbauen kann, was dann aber sowieso belanglos war, da die Stromversorgung am neuen Gehäuse nicht funktionierte).
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| Aus zwei mach eins - Tilman am Zusammenbasteln meines "neuen" Rechners |
Na ja, im Endeffekt hat doch alles irgendwie funktioniert und diesen Text schreibe ich gerade mit eben diesem Rechner.
Zwischendurch haben wir auch noch ein bißchen renoviert bzw. renovieren lassen. Wir haben die Jugendwohnhilfe davon überzeugen können, daß es mal wieder notwendig wäre, unsere Küche und Flur zu malern und in der Küche einen neuen Fußboden zu legen. Alle, die unsere Küche vor dieser Neugestaltung gesehen haben, können sicherlich auch bezeugen, daß dies dringend nötig gewesen war. Es ist auf jeden Fall erstaunlich, wieviel heller unserer Küche seitdem ist, obwohl der alte Anstrich doch gerade mal 10 Jahre alt gewesen war.
Dezember
Im Dezember war dann wieder etwas mehr los.
Zunächst stand erst mal die Gründung des Erdwissenschaftlichen Fachvereins der Uni und ETH Zürich (erfa) an. (Ist im Prinzip so etwas wie die Fachschaft in Jena.) Im Sommer war nämlich ein paar Studenten des damaligen 7. Semesters aufgefallen, daß bis dato keine Organisation vorhanden war, welche die Interessen der Geologiestudenten vertritt und daß man deshalb so etwas schaffen sollte. Na ja - so wurde dann der erfa ins Leben gerufen und am 4.12. offiziell gegründet und ein erster Vorstand gewählt. In diesen bin ich dann auch irgendwie mit "reingeraten" und bin auch jetzt noch dabei. Mein offizieller Aufgabenbereich ist die Information, d.h. im wesentlichen, daß ich die Homepage des Vereins (http://www.erfa.ch) unterhalte und die erfa - Mitglieder von Zeit zu Zeit mit Newslettern nerve. Allerdings halten wir es nicht so eng mit der Aufgabentrennung. Bei so einem kleinen Verein machen halt alle ein bißchen alles. Apropos klein, mittlerweile haben wir über 200 Mitglieder und sind somit die zweitgrößte geologische Vereinigung in der Schweiz.
Am 2. Advent war ich dann mal wieder in Davos zum Skifahren. So früh in der Saison (am 9.12.!) hatte ich vorher noch nie auf Alpinskis gestanden. Die letzte Woche Uni vor Weihnachten habe ich mir geschenkt und bin deshalb schon am 15.12. nach Hause gefahren.
Unterwegs habe ich allerdings noch in der Nähe von München einen Zwischenstop gemacht und dort noch schnell eine Skitour mit Rainer (einem Freund, den ich in meinem ersten Semester in Zürich kennengelernt hatte, als er hier ein Austauschsemester verbracht hat) + Anhang eingeschoben.
Danach ging es weiter nach Jena zu einer hektischen Woche vor Weihnachten. Zum einen waren noch diverse Weihnachtsfeiern zu besuchen, u.a. die "berühmte" Geologenweihnachtsfeier im Jenaer geologischen Institut, dann stand noch ein Klassentreffen an und außerdem bin ich mit ein paar alten Studienfreunden aus Jena noch für ein paar Tage in den Thüringer Wald auf die Schneekopfhütte (Hütte meines Skivereins im Thüringer Wald) gefahren.
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Tobias im "Sperrgebiet" |
Uli vor der Hütte |
Tilman auf dem Beerberg |
Wieder zurück in Jena war erst mal ausgiebig Familie angesagt, denn mittlerweile war ich zwar in der Heimat, aber nie wirklich richtig zu Hause gewesen. So haben wir dann meinen Geburtstag und Weihnachten gefeiert und waren außerdem noch ab und zu im Thüringer Wald zum Skilanglaufen.
Eigentlich hatte ich ja gar nicht vorgehabt, so wahnsinnig lange in Deutschland zu bleiben. Da es aber in der Schweiz fast keinen Schnee gab und in Thüringen so extrem viel, bin ich im Endeffekt doch lieber in Jena geblieben und habe meine Zeit vor allem mit Skilanglauf verbracht. Silvester war ich dann auch in Jena und bin erst zum Ferienende am 6.1. 2002 wieder zurück in die Schweiz.
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| Unser Haus Weihnachten 2001 |
Abendstimmung an der Suhler Ausspanne |
Eigentlich hatte ich ja vorgehabt, daß Tagebuch erst ins Internet zu stellen, wenn es wirklich vollständig aktualisiert ist, ich also sozusagen beim heute angekommen wäre. Da ich aber nicht weiß, wann es soweit wäre bzw. ob es überhaupt jemals dazu kommen wird, gibt es das ganze nun halt doch häppchenweiße und für jetzt (30.3. 2003, 1:31 Uhr) ist erst mal Schluß.
Fortsetzung folgt ...
* So richtig daran gewöhnt, daß eine 6 eine gute Note ist, habe ich mich irgendwie noch nicht. Zum Glück!
+ist gleich (Termin)kalender auf "schweizerisch"
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